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Jernej Kruder climbing a granite wall during the Cochamó 2026 expedition

Unsere Athleten Jernej Kruder und Mirco Grasso verbrachten drei Wochen im chilenischen Patagonien, mit dem Traum, eine neue Linie an einer der Granitwände im Cochamó-Tal zu erschließen und frei zu klettern. In seiner gewohnt lockeren und ehrlichen Art erzählt Kruder von Seillängen in der Sonne oder in Wasserfällen, die der Regen über die Wand schickt. Aber auch von Nächten unter dem Sternenhimmel, einer Seilschaft, die an ihre Grenzen geht, und davon, wie sein Traum Wirklichkeit wird.

 

Der Aufbruch und die erste Begegnung mit Doña Devora Dedos

Ich bin ein ehemaliger Boulderer, der sich immer mehr dem Alpinismus zuwendet – und das Cochamó-Tal schien mir genau der richtige Ort, um eine neue Route zu erschließen. Mirco Grasso und ich kennen uns noch nicht besonders gut, aber die Chemie stimmt. Um unsere Reise zu dokumentieren, nehmen wir den Schweizer Fotografen Vladek Zumr mit.

Wir kommen in Puerto Montt an und lernen dort Diego kennen, der uns für die erste Nacht bei sich aufnimmt und am nächsten Tag zum Ausgangspunkt des Trails bringt. Unsere Kletterausrüstung und Proviant für drei Wochen verteilen wir auf vier Pferde. Der dreistündige Zustieg zum Trawen-Camp ist schnell und unkompliziert. Wir schlagen unsere Zelte auf und beginnen sofort mit der Planung für den nächsten Tag.

Um das Gebiet kennenzulernen, entscheiden wir uns für einen Klassiker im Anfiteatro: Doña Devora Dedos. Ich starte in die erste Kletterei der Reise über großartige Risse und gelange schließlich zu einem feinen Riss in einer technisch anspruchsvollen Platte. Der Rest der Route läuft gut, bis wir die 7c-Schlüsselseillänge erreichen. Mirco klettert den ersten Teil ohne Probleme, doch am Ende des Überhangs rutscht er wegen der Tropfen eines plötzlich einsetzenden Regenschauers ab. Mir passiert dasselbe. Der Regen wird immer stärker und zwingt uns schließlich zum Rückzug ins Basecamp – völlig durchnässt.

 

Erkundungen und Paret Seca

Als die Sonne den Regen endlich vertreibt, suchen wir oberhalb des Anfiteatro nach einer möglichen Linie, stellen jedoch fest, dass sie bereits erschlossen wurde. Bei einer weiteren Erkundung am Walwalun Peak entdecken wir schließlich eine logische Linie, die allem Anschein nach noch unberührt ist.

Dann hält uns das schlechte Wetter drei Tage lang in den Zelten fest. Um die Langeweile zu vertreiben, bringe ich Vladek und Mirco Tarock bei, ein komplexes slowenisches Kartenspiel.

Anschließend besuchen wir den geschützten Sportklettersektor „Paret Seca“. Ich klettere die drei Klassiker onsight und widme mich danach einem alten Projekt, das Alex Honnold 2012 eingebohrt hatte und das bislang noch nicht frei geklettert worden war. Ich finde die richtigen Sequenzen und schaffe die Route im zweiten Versuch – auch dank eines Kneepads, das mir einige amerikanische Freunde leihen. Da es immer noch regnet und sich die Begehung für mich so nicht ganz richtig anfühlt, klettere ich die Route noch einmal, diesmal ohne Kneepad. Sie dürfte ungefähr im Bereich 8b liegen.

Am nächsten Tag bereiten wir die Ausrüstung für die Erschließung unserer neuen Route vor und machen uns zum dritten Mal auf den Weg zum Anfiteatro.

 

Die Route entsteht: Tag 1 und 2

Um den ersten markanten Riss zu erreichen, setzt Mirco den ersten Bohrhaken in einer glatten Platte mit winzigen Leisten. Von dort folgen wir Risssystemen und Verschneidungen, die immer wieder von Platten unterbrochen werden: insgesamt acht Seillängen, bevor uns Kälte und Erschöpfung zum Abstieg an den Wandfuß zwingen.

Am zweiten Tag kehren wir zu unserem bisherigen höchsten Punkt zurück und nutzen dafür eine benachbarte Route, die von einer französischen Expedition erschlossen wurde. Nach ein paar Seillängen erreichen wir ein großes Band, auf dem wir unser Biwak einrichten. Am Nachmittag klettern wir noch einige weitere Seillängen und stoßen dabei auf Spuren früherer Versuche. Mirco beendet den Tag damit, die zwölfte Seillänge zu säubern, die extrem schwierig aussieht. Danach seilen wir uns zurück zum Band ab und essen unter dem Sternenhimmel zu Abend.

 

Tag 3 und 4: Gipfel und Variante

Am dritten Tag starten wir bei Sonnenschein, steigen an den Fixseilen mit den Jümars wieder nach oben und ich beginne, den letzten Abschnitt der Route zu erschließen. Noch vor dem Abend stehen wir auf dem Gipfel. Was für eine Route!

Wir beschließen, noch eine weitere Nacht auf dem Band zu verbringen und den Moment zu genießen. Der vierte Tag ist den Fotos gewidmet. Da uns nur wenig Zeit bleibt, um die ursprüngliche, nasse und schwierige Schlüsselseillänge frei zu klettern, entscheide ich mich, mit unserem letzten verbliebenen Bohrhaken eine leichtere Variante zu erschließen. Daraus entsteht eine wunderschöne und äußerst fotogene 7b+-Seillänge, die wir beide frei klettern. Da einige der Schuppen hohl klingen, nennen wir sie „Deadly Hollows“.


Jernej Kruder and Mirco Grasso climbing in the Cochamó Valley, Chilean Patagonia

 

Schlechtes Wetter und der letzte Versuch

Das schlechte Wetter kehrt zurück und bringt Regen und Schnee ins Tal. Zwischen unseren Tarock-Partien zeichnen wir das Topo der Route und beschließen, sie „Tarock“ zu nennen.

Uns bleiben nur noch vier Tage und die Temperaturen sind niedrig, trotzdem wollen wir versuchen, die letzten noch nassen Seillängen frei zu klettern. Am ersten Tag gelingt mir die inzwischen trockene erste Seillänge problemlos. Am nächsten Tag stehen wir wieder am Wandfuß. Ich klettere die fünfte Seillänge an nassen Griffen und schaffe die Schlüsselstelle in der Platte gerade noch, bevor die Sonne den Fels erwärmt.

Im oberen Teil wollen wir leicht und schnell unterwegs sein und erreichen das große Band in nur zwei Stunden. Die ersten beiden Seillängen der Gipfelwand klettern wir frei. In der dritten Seillänge stürzt links ein Wasserfall die Wand hinunter, doch die rechte Seite ist trocken und Mirco erreicht den Stand ohne Sturz.

Schließlich kommen wir zur letzten Seillänge, die uns noch fehlt: „Último Pagat“. Der erste Teil ist trocken, doch die letzten zehn Meter verlaufen durch eine völlig nasse Verschneidung. Ich kämpfe mich nach oben und erreiche das Ende der Seillänge ohne Sturz. Geschafft!

Die ursprüngliche schwere Seillänge ist noch viel zu nass – dafür müssen wir wohl zurückkommen. Dank der Variante haben wir jedoch die gesamte Route frei geklettert.

 

Asado und Abschied

Bei Sonnenschein steigen wir ab, verabschieden uns von unseren Freunden in Trawen und kehren in die Zivilisation zurück.

Wir feiern mit einem unvergesslichen Asado bei Diego zu Hause am See, fahren ein wenig Kajak und klettern an seiner eigenen Trainingswand. Der perfekte Abschluss, um zu sagen: „Auf Wiedersehen, Cochamó. Wir kommen zurück!

 

Jernej Kruder and Mirco Grasso establishing a new route in Cochamó, Chile