
70 Seillängen, 6 Kletterer, 5 Wochen und 1 Schlauchboot
Mitte Juli machte sich Silvan Schüpbach gemeinsam mit Filippo Sala, Benjamin Bosshard, Jernej Kruder und dem Fotografen Hugo Vincent auf den Weg, um eine unbestiegene und geheimnisvolle Wand tief im versteckten Kangikitsoq-Fjord im Süden Grönlands zu klettern.
«Wir legten mehr als 200 Kilometer auf dem Meer zurück – in einem kleinen Schlauchboot, das wir extra aus der Schweiz mitgebracht hatten. Schnell wurde jedoch klar, dass das Klettern nicht die größte Herausforderung dieses Abenteuers sein würde. In den ersten Tagen wurde Benji krank und musste nach Hause zurückkehren, während uns der raue Seegang zunächst sogar daran hinderte, überhaupt aufzubrechen. In Grönland gibt es zwei Chefs: das Wetter und das Meer.
Als wir schließlich mit dem Boot losfuhren, meinten die Einheimischen zu uns: „Diese Jungs spielen mit dem Feuer.“ Wir fühlten uns ein bisschen wie Touristen in den Alpen, die versuchen, das Matterhorn in Flip-Flops zu besteigen. Wie auch immer – ob Glück oder Können: Irgendwie schafften wir es einige Tage später bis zu unserem Basecamp.
Ein mehr als 20 Kilometer langer Marsch durch Büsche und Sümpfe brachte uns zusammen mit unseren riesigen Haulbags bis zur Wand. Dort kauerten wir unter einem gewaltigen Felsblock, umgeben von Séracs und hoch aufragenden Felswänden. Irgendwann gingen uns langsam die Lebensmittel aus. Und als sich die Wettervorhersage schließlich sowohl als pessimistisch als auch als richtig herausstellte, beschlossen wir, zurück zum Basecamp zu wandern, ohne auch nur einen einzigen Meter geklettert zu sein.
Nach einigen weiteren Tagen kam endlich gutes Wetter. In Jernejs letzten drei Tagen, bevor er abreisen musste, gelang es uns, eine neue Route an der Baroness im Torsukattak-Fjord zu eröffnen.
Eine alte Schlinge deutete darauf hin, dass die Wand bereits zuvor geklettert worden war. Deshalb entschieden wir uns für eine schwer abzusichernde Linie durch die Mitte der Wand. Als wir schließlich mit dem Klettern begannen, lief überraschenderweise alles ziemlich reibungslos. Aus der Sicht eines Abenteurers kann das Klettern in Grönland beinahe der langweiligste Teil einer Expedition sein – es gibt einfach weniger Überraschungen. Alles andere als langweilig war es allerdings, Jernej bei seinen beeindruckenden, schwierigen Plattenpassagen mit weiten Runouts zu sichern.
In drei Tagen kletterten wir „Sila“, eine neue Route durch die Nordwestwand der Baroness: rund 600 Meter, 7c und A2+.
Nachdem Jernej abgereist war, gelang es uns, eine weitere neue Route am Marlilussat zu eröffnen, einem wunderschönen Berg hinter dem Dorf Aappilattooq. Wir kletterten an einem langen Tag rund 800 Meter mit Schwierigkeiten bis 6c. Der letzte Teil der Route könnte sich mit einer Linie überschneiden, die ein französisches Team während der Maewan-SegExpedition geklettert hat.
Anfang August reisten meine Freunde Filippo und Hugo ab, und Michaela Mooz kam dazu – und brachte glücklicherweise stabiles und gutes Wetter mit. Wir entschieden uns für moderate, lange und qualitativ hochwertige Routen. Zum Aufwärmen kletterten wir die mittlerweile klassische Swiss Route an Ketil’s Pyramid im Tasermiut-Fjord. Anschließend fuhren wir mit dem Boot in den Torsukattak-Fjord, wo wir drei weitere Routen kletterten:
The Baron – Southeast Pillar. Ca. 500 m, maximal 6b, größtenteils im fünften Grad. Eine wunderschöne Kletterei an einem großartigen Berg – das sollte einmal ein echter Klassiker werden! Auf dem Sattel vor dem Einstieg fanden wir eine bereits angelegte Zeltplattform.
Campsite Hill. Ca. 400 m, maximal 6b. Dies ist die am einfachsten zugängliche Wand im Fjord. Wir kletterten eine abwechslungsreiche Linie – von Offwidth-Rissen über Platten bis hin zu steilen Passagen mit großen Griffen. Ziemlich beeindruckend für eine Wand mit nur einer halben Stunde Zustieg!
Die „Orange Wall“. Diese südostseitig ausgerichtete Wand wurde von unseren Vorgängern im Jahr 2024 „Orange Wall“ genannt. Sie bildet die Fortsetzung des Campsite Hill. Wir kletterten eine höchstwahrscheinlich neue Linie knapp rechts der bestehenden Route „Dream Corner“. Rund 600 Meter, maximal 7a, größtenteils aber leichter. Das Highlight war ein unvergesslicher 60 Meter langer Finger- bis Handriss im oberen Wandteil. Wir nennen die neue Route „Thalassaphobia“. Der Name bezieht sich auf meine ständige Angst, dass wir unser Boot verlieren und irgendwo mitten im Nirgendwo festsitzen könnten.
Die Menge an gut strukturiertem und hochwertigem Fels rund um Aappilattooq ist beeindruckend. Wären da nicht die komplizierte Logistik und das unberechenbare Wetter, wäre dies einer der besten Orte der Welt zum alpinen Klettern. Grönland war wieder einmal eine unglaubliche Erfahrung. Besonders machte diese Reise vor allem unser eigenes Boot, mit dem wir unsere Standorte flexibel wechseln und verschiedene Gebiete erkunden konnten.
Noch spezieller war die Kombination daraus, im ersten Teil der Reise mit Freunden zu klettern und später in die Rolle des Guides zu wechseln. Es war eine großartige Mischung aus Abenteuer, Entdecken, Freundschaft und Arbeit – und eine perfekte Art, fünf Wochen in Grönland zu verbringen.»









