
Vier perfekte Minuten
Vier Jahre lang war Café Colombia weit mehr als nur eine Route. Sie wurde zu einer Obsession, zu einer täglichen Konfrontation mit Zweifel, Frustration, Präzision und der Suche nach Perfektion. Versuch für Versuch verlangte die Linie alles: Fingerkraft, Ausdauer, mentale Kontrolle und vor allem Geduld.
Als es schließlich gelang, die Route abzuschließen, lag es nicht daran, dass sich die Wand plötzlich leichter anfühlte. Sondern daran, dass für vier perfekte Minuten einfach alles zusammenpasste.
In diesem Interview tauchen wir ein in die Gedankenwelt des Kletterers hinter einer der beeindruckendsten Erstbegehungen der letzten Jahre und sprechen über mentale Stärke, kleinste entscheidende Details und die Erkenntnisse, die er nach dem Abschluss eines Kapitels gewonnen hat, das lange unmöglich schien.
Der „Send“-Moment: Letztes Jahr hast du darüber gesprochen, wie wichtig Perfektion für diese Route war. Was war an dem Tag anders, an dem du Café Colombia schließlich durchgestiegen bist? Hattest du von Anfang an das Gefühl, dass es der richtige Versuch sein könnte?
Bevor ich angefangen habe, fühlte es sich nicht nach einem besonderen Tag an. Ehrlich gesagt hatte ich nicht das Gefühl, dass es genau dieser Versuch werden würde.
Sobald ich in der Wand war, machte die Effizienz den Unterschied. Ich konnte mit einer Präzision klettern, die sogar besser war als bei vielen meiner vorherigen starken Versuche. Alles folgte einem Rhythmus, den ich bereits verinnerlicht hatte, ohne etwas erzwingen oder korrigieren zu müssen. Ich hatte buchstäblich das Gefühl zu schweben – es waren die perfektesten vier Kletterminuten meines Lebens.
Details: Erzähl uns etwas über die kleinen Details auf die du besonders geachtet hast. Vielleicht auch über die Chimera-Kletterschuhe?
Bei diesem Projekt habe ich auf jedes noch so kleine Detail geachtet wie noch nie zuvor. Ich habe versucht, als Kletterer so analytisch wie möglich zu sein. Kombiniert habe ich das mit meinem hohen Anspruch an mich selbst, dass ich wirklich alles getan habe, was in meiner Kontrolle lag.
Es wäre verrückt, all die Details zu beschreiben, die ich über die Route im Kopf habe, aber mein Fokus lag immer auf dem mentalen Aspekt, dem Timing und der Präzision bei jedem Griff und jedem Tritt. Eine absolut entscheidende Sache war die Wahl des richtigen Schuhs. Von Anfang an habe ich mich für den Chimera entschieden, da er perfekt für diese Art von kleinen Tritten, dank der Balance aus Steifigkeit in der Sohle und Flexibilität, ist. Sie waren die effizienteste Option, um wirklich auf diesen winzigen Leisten der Wand stehen zu können.
Vom Zweifel zum Erfolg: Letztes Jahr hast du erwähnt, dass du auf dieser Linie mit deinem Selbstvertrauen zu kämpfen hattest. Wie hat es sich angefühlt, dir schließlich selbst zu beweisen, dass die Route möglich ist?
Ohne Zweifel war der schwierigste Teil des Projekts der Umgang mit Frustration und damit oft auch mit meinem Selbstvertrauen. Außerdem handelt es sich um eine ungekletterte Route, daher ist der Zweifel, ob sie überhaupt möglich ist, immer präsent und genau diese Gedanken arbeiten gegen dich.
Es gab viele Tage, sogar ganze Phasen, in denen ich das Gefühl hatte, Rückschritte zu machen. Ich musste viele Rückschläge einstecken und sich von manchen davon wieder aufzurappeln, war wirklich hart. Bei einem Projekt, das dich über so lange Zeit so weit pusht, durchlebt man jede nur denkbare Emotion und das Schwierigste ist immer, weiterzumachen.
Was sich im letzten Jahr vielleicht verändert hat, ist die Erkenntnis, dass mich diese Herausforderung zu einem besseren Kletterer machen würde. Ich begann, mich mehr darauf zu konzentrieren, mich in der Route zu verbessern, statt nur daran zu denken, sie zu senden. Dadurch wurde ich analytischer und begann, konstanten Fortschritt zu sehen – unabhängig davon, ob ein Versuch gut war oder nicht. Selbst in den letzten Tagen, als ich sehr nah dran war, versuchte ich auszublenden, ob ich sie schaffen würde oder nicht. Ich dachte nur daran, in der Wand zu flowen.
Der Schwierigkeitsgrad: Einen Grad für eine Erstbegehung vorzuschlagen, ist eine große Verantwortung. Wie fühlt es sich an, diese Zahl in den Raum zu stellen?
Ich habe definitiv gewusst, dass es eine große Verantwortung ist, besonders angesichts des Niveaus der Route und der Möglichkeit, dass sie eine der schwersten der Welt sein könnte.
Gleichzeitig war ich beruhigt, als es darum ging, einen Grad vorzuschlagen, weil ich großes Vertrauen in mich selbst hatte und gleichzeitig eine große Freude verspürt habe. Über die genaue Schwierigkeit hatte ich mir eigentlich erst nach dem Durchstieg Gedanken gemacht und allein das bedeutete bereits, dass ich sie endlich geschafft hatte. Es war der Moment gekommen, die Schwierigkeit festzulegen, die ich gespürt habe, zusammen mit all den Opfern und der Arbeit, die ich in den vergangenen Jahren in diese Erstbegehung investiert habe.

Der mentale Wandel: Du hast viel mit einem Sportpsycholo:innen gearbeitet, um mit der Frustration dieses Projekts umzugehen. Wie hat dich der Abschluss dieses vierjährigen Kapitels als Kletterer und als Mensch verändert?
Ein Projekt wie dieses über einen so langen Zeitraum lehrt dich alles Mögliche – nicht nur als Athlet, sondern auch auf persönlicher Ebene.
Die Entwicklung in diesem Bereich hat meine Denkweise und meinen Umgang mit Projekten verändert. Ich fühle mich als Kletterer reifer und bin sicher, dass mir all das bei zukünftigen Herausforderungen helfen wird.
Die Essenz der Linie: Nachdem du so viel Zeit an diesen 30 Metern verbracht hast: Gibt es einen bestimmten Zug oder Abschnitt, der für dich das wahre Herz von Café Colombia repräsentiert?
Es ist eine Ausdauerroute: 40 Züge, fast ohne Ruhepositionen, in einer überhängenden Wand mit kleinen, weit auseinanderliegenden Griffen und ziemlich schlechten Tritten.
Die Schwierigkeit liegt nicht in einem einzelnen Zug, sondern darin, das gleiche Niveau über die gesamte Route hinweg aufrechtzuerhalten. Alles muss gleichzeitig funktionieren: Fingerkraft, Ausdauer, Präzision und Rhythmus.
Jeder kleine Fehler ist verhängnisvoll. Eigentlich brauchte ich gar nicht so viele Tage, um die einzelnen Abschnitte zu klettern. Ich glaube, dass ich ca. an Tag 25 sie bereits mit einer Pause machen konnte. Die wahre Schwierigkeit bestand darin, alle miteinander zu verbinden. Jeder Zug kostet enorme Kraft und die größte Herausforderung kommt meiner Meinung nach im letzten Abschnitt, wenn man bereits extrem ermüdet ist und vor der Schlüsselstelle steht.
Ein geteilter Erfolg: Du hast einmal gesagt, dass du dich beim Versuch dieser Route oft allein gefühlt hast. Wer war am Tag des Redpoints bei dir und wie wichtig war ihre Unterstützung am Ende?
Der Send-Moment war unglaublich. Es stimmt, einige Freund:innen haben gefehlt, und ich hätte mir gewünscht, dass sie dabei gewesen wären, weil ich so viel von diesem Prozess mit ihnen geteilt hatte.
Zum Glück war die Stimmung am Fels unglaublich gut, und ich konnte diesen Moment trotzdem mit vielen Freund:innen teilen. Besonders mein Coach Ekhioz Alsasua stand unten und feuerte mich an, meine Partnerin Mariana Fierro sicherte mich und mein Freund Jaume Cebolla filmte die Begehung direkt neben mir. Bevor ich in den Versuch startete, war meine Motivation auf dem absoluten Höhepunkt.
Wie geht es weiter? Jetzt, wo dein Kopf endlich „frei“ von dieser Obsession ist, stürzt du dich direkt in neue Mega-Erstbegehungs-Projekte oder große Linien wie DNA, oder hast du eher das Bedürfnis, zu reisen und abwechslungsreicher zu klettern?
Es war zu erwarten, dass ich nach so einer großen Schlacht sowohl körperlich als auch mental einen Einbruch spüren würde.
Im Moment finde ich es sehr wichtig, mich auszuruhen und mir Zeit zu geben, alles zu verarbeiten, denn selbst nach einer Woche kann ich noch immer kaum glauben, dass ich es wirklich geschafft habe.
Ich habe viele Projekte im Kopf, und besonders würde ich dieses Jahr gern wieder mehr bouldern. Ich bin neugierig, wie weit ich mich in diesem Stil pushen kann. Aber vorerst ist der Plan, bis zum Sommer an verschiedenen Orten zu klettern, Zeit mit Freund:innen zu verbringen und wieder zu mir selbst zu finden. Kurzfristig sehe ich mich nicht so schnell wieder an einem Projekt, das so fordernd ist wie dieses.
Ein Rat für alle Suchenden: Was ist die wichtigste Lektion, die Café Colombia dich gelehrt hat und die du jemandem mitgeben würdest, der gerade an seinem eigenen „unmöglichen“ Projekt festhängt?
Ich denke, die wichtigste Lektion ist, niemals aufzuhören, für seine Träume zu kämpfen. Selbst wenn Rückschläge kommen, muss man auf seinem Weg bleiben – ohne Eile, aber auch ohne stehenzubleiben – und die gesamte Reise genießen.
Manchmal werden diese Träume tatsächlich wahr.
Bevor Café Colombia Realität wurde, gab es nur Versuche, Zweifel und eine Vision, die noch darauf wartete, Wirklichkeit zu werden. Lies das Interview, das wir letztes Jahr über das Projekt Café Colombia veröffentlicht haben.








